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"Tschornobyl – Vierzig Jahre, und die Helden bleiben"

Tschornobyl – Vierzig Jahre, und die Helden bleiben

Es ist 1:23:40 Uhr in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986, als ein junger Ingenieur in der Schaltzentrale von Block 4 einen Knopf drückt, der eigentlich die Notabschaltung auslösen soll. Stattdessen markiert dieser Moment den Beginn der schlimmsten zivilen Atomkatastrophe der Geschichte. Vierzig Jahre später ist die Welt eine andere – und doch wirkt jene Aprilnacht in der nördlichen Ukraine bis heute nach: in den Körpern der Überlebenden, in den verlassenen Dörfern der Sperrzone, in den politischen Debatten über Kernkraft, und nicht zuletzt in einer Sarkophag-Hülle, die im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erneut beschädigt wurde.

Dieser Text ist kein technischer Lehraufsatz und kein politisches Pamphlet. Er ist der Versuch eines Gedenkens – an die Männer und Frauen, die in den Tagen, Wochen und Monaten nach der Explosion ihr Leben in die Waagschale warfen, damit Europa nicht zur Wüste wurde. Sie heißen Liquidatoren. Und einer von ihnen war Leonid Fedorowytsch Toptunow.

Was geschah in jener Nacht

Der Reaktorblock 4 vom Typ RBMK-1000 sollte einen Sicherheitstest durchlaufen: Würden die Turbinen, wenn die Stromversorgung ausfällt, im Auslauf noch genug Energie liefern, um die Notkühlung zu betreiben, bis die Dieselgeneratoren anspringen? Der Test war eine Routine – eigentlich. Verschoben, schlecht vorbereitet, in einer Schicht durchgeführt, die nicht dafür eingewiesen war. Diensthabender Schichtleiter: Aleksandr Akimow. Reaktorsteuerungsingenieur: Leonid Toptunow, 25 Jahre alt. Verantwortlicher Versuchsleiter: der erfahrene, autoritäre Anatoli Djatlow.

Als die Leistung des Reaktors während des Herunterfahrens unkontrolliert abfiel und in einen instabilen Betriebszustand geriet, wollten Toptunow und Akimow den Test abbrechen. Djatlow setzte sich darüber hinweg. Wenige Minuten später kochte das Kühlwasser, hydraulische Schläge waren zu hören, und Akimow gab den Befehl: AZ-5. Notabschaltung. Toptunow drückte den Knopf um 1:23:40 Uhr. Wegen eines konstruktiven Designfehlers der Steuerstäbe führte gerade dieses Einfahren in dieser Sekunde zu einem kurzen, gewaltigen Leistungsanstieg. Sekunden später zerriss eine Dampfexplosion den Reaktorkern. Eine zweite folgte. Das 1.000-Tonnen-Deckel des Reaktors wurde aus seiner Verankerung gerissen, das Dach von Block 4 aufgeschlitzt, glühender Graphit und Kernbrennstoff in den Nachthimmel geschleudert.

Die ersten am Feuer: die Männer der Wache 6

Während die Operatoren noch versuchten, in der zerstörten Anlage Wasser in den Reaktor zu pumpen, rückten die Feuerwehren aus. Die Wache 2 vom Kraftwerksgelände unter Leutnant Wolodymyr Prawik traf als erste ein. Wenig später kam aus dem nahen Prypjat die selbständige Wache 6, kommandiert vom 25-jährigen Leutnant Wassyl Ihnatenko – auf Russisch Wassili Ignatenko, ein Belarusse aus dem Dorf Spjaryschscha.

Sie wussten nichts. Sie löschten ein Feuer, wie sie es gelernt hatten – nur dass die schwarzen Brocken auf dem Dach kein gewöhnlicher Schutt waren. Es waren Stücke des Reaktorkerns, glühend vor Hitze und vor Strahlung. Keiner trug Schutzanzug. Keiner trug ein Dosimeter, das die Werte überhaupt hätte anzeigen können – die meisten waren auf Skalen geeicht, die hier längst überschritten waren. Sie spürten einen metallischen Geschmack im Mund. Manche kotzten schon nach einer halben Stunde. Sie kletterten weiter aufs Dach, um die Brände einzudämmen, weil sie fürchteten, das Feuer könnte auf den intakten Block 3 übergreifen.

Bis fünf Uhr morgens hatten sie die offenen Brände unter Kontrolle. Im Inneren des Reaktors brannte es noch bis zum 10. Mai. Wassyl Ihnatenko wurde noch in der Nacht in das Krankenhaus von Prypjat gebracht, dann nach Moskau, in die berüchtigte Klinik Nr. 6 des Instituts für Biophysik. Er starb dort am 13. Mai 1986. Seine Frau Ljudmila, im sechsten Monat schwanger, wich nicht von seiner Seite, obwohl die Ärzte sie warnten – ihr Mann sei jetzt selbst eine Strahlenquelle. Ihre Erzählung, die später in Swetlana Alexijewitschs Buch Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft eingegangen ist, gehört zu dem Erschütterndsten, was über jene Tage geschrieben wurde.

Prawik starb am 11. Mai. Ihnatenko am 13. Mai. Toptunow und Akimow am 14. Mai. Innerhalb von drei Wochen war ein Großteil der Schicht und der ersten Brandbekämpfer tot.

Toptunow: der Mann am AZ-5

Leonid Fedorowytsch Toptunow, geboren am 16. August 1960 in Mykolajiwka in der Oblast Sumy, war erst 25, als er in jener Nacht Dienst hatte. Seine Kindheit war die eines sowjetischen Ingenieurssohns gewesen: Baikonur in der kasachischen Steppe, dann Tallinn, schließlich das renommierte Institut für Atomenergie in Obninsk, eine Außenstelle des Moskauer Instituts für technische Physik. Im März 1983, kaum dem Hörsaal entwachsen, fing er als Ingenieur in Tschornobyl an. Block 4 war sein Arbeitsplatz, der Steuerpult sein Posten. Er galt als gewissenhaft, ruhig, eher zurückhaltend.

In den Minuten vor der Explosion war er es, der nach dem Leistungseinbruch warnte. Er und Akimow wollten den Test abbrechen. Sie wurden überstimmt. Als der Reaktor außer Kontrolle geriet, war es Toptunows Hand, die den Notabschalter drückte – jenen AZ-5-Schalter, der das System hätte retten sollen und es stattdessen, wegen eines Konstruktionsfehlers, den im Westen niemand kannte und den die sowjetische Atombehörde verschwiegen hatte, in die Katastrophe stieß.

Was er danach tat, ist die eigentliche Größe seiner Geschichte. In den Stunden nach der Explosion, als der Block in Trümmern lag und die Strahlung in der Maschinenhalle Werte erreichte, die in wenigen Minuten tödlich waren, blieb Toptunow im Werk. Er beteiligte sich an dem verzweifelten und im Nachhinein sinnlosen Versuch, Wasser in den nicht mehr existierenden Reaktorkern zu pumpen. Er stieg in Bereiche hinab, von denen er ahnen musste, dass jeder Schritt seine Lebenszeit verkürzte. Er holte sich dabei eine Strahlendosis von rund 7 Sievert – das Drei- bis Vierfache der mittleren tödlichen Dosis.

Er wurde nach Moskau geflogen, in dieselbe Klinik wie Ihnatenko und die anderen. Eine Knochenmarkspende konnte ihn nicht mehr retten. Am 14. Mai 1986 starb Leonid Toptunow an akuter Strahlenkrankheit. Beerdigt wurde er auf dem Mitinskoje-Friedhof in Moskau, dort, wo viele der ersten Tschornobyl-Opfer in versiegelten Zinksärgen unter Beton liegen. Erst 2008 verlieh ihm die Ukraine posthum den Orden für Tapferkeit.

Über lange Jahre war sein Name in der sowjetischen und postsowjetischen Erzählung der eines Mitschuldigen. Heute, mit Abstand und mit dem Wissen über den RBMK-Designfehler, sieht man ihn klarer: Toptunow war kein Schuldiger. Er war ein junger Ingenieur, der in einer fehlgeleiteten Versuchsanordnung das Richtige tun wollte und mit einem Reaktor konfrontiert war, dessen tödlicher Konstruktionsmangel ihm verschwiegen worden war.

Die Liquidatoren – eine Armee gegen das Unsichtbare

Was nach der Explosion folgte, war der größte zivile Mobilisierungseinsatz, den Europa je gesehen hat. Schätzungen gehen von 600.000 bis 800.000 Menschen aus, die im Lauf der folgenden Jahre als sogenannte Liquidatoren in Tschornobyl im Einsatz waren – ein euphemistischer Begriff der sowjetischen Verwaltung für Männer und Frauen, die die Folgen "liquidieren", also beseitigen sollten.

Sie kamen aus der gesamten Sowjetunion. Soldaten der Roten Armee, Reservisten, Bergleute aus dem Donbass, die unter dem havarierten Reaktor einen Tunnel gruben, um eine Kühlplattform einzuziehen, weil man fürchtete, der schmelzende Kern könnte sich durch das Fundament ins Grundwasser fressen. Hubschrauberpiloten, die Sand, Bor und Blei in den brennenden Krater abwarfen und dabei in unmittelbarer Nähe der offenen Strahlungsquelle flogen. Zivilschutzbrigaden, die Hektar um Hektar kontaminierte Erde abtrugen. Bauarbeiter, die in monatelanger Schichtarbeit den ersten Sarkophag aus 400.000 Tonnen Beton und 7.000 Tonnen Stahl um den Reaktor errichteten. Jäger, die verstrahltes Vieh und Haustiere erschossen. Fahrer, Köche, Wäscherinnen, Funker, Ärztinnen.

Und dann die "Biorobotter": Soldaten, die in Eigenbau-Bleischürzen aufs Dach von Block 3 klettern mussten, um Stücke des Reaktorkerns mit bloßen Händen oder Schaufeln in den Krater zurückzuwerfen, weil ferngesteuerte deutsche und japanische Roboter in der Strahlung nach kurzer Zeit ausfielen. Jeder dieser Männer durfte nur 40 bis 90 Sekunden auf dem Dach bleiben. Manche gingen mehrfach.

Drei Männer verdienen eine besondere Erwähnung: Alexei Ananenko, Walerij Bespalow und Boris Baranow. Sie tauchten am 6. Mai in das geflutete Untergeschoss des Reaktors hinab, um die Schieber zweier Druckkammern zu öffnen, damit das Wasser dort abfließen konnte, bevor sich die Schmelze hineinfraß und eine zweite, gewaltige Dampfexplosion auslöste – eine Explosion, die nach Berechnungen sowjetischer Physiker weite Teile Europas auf Jahrhunderte unbewohnbar gemacht hätte. Sie überlebten, anders als oft erzählt, den Einsatz; Baranow starb 2005 an einem Herzleiden, Ananenko und Bespalow wurden 2018 von Präsident Poroschenko mit dem Orden für Mut ausgezeichnet.

Was bleibt vom Heldentum

Es ist heikel, von Helden zu sprechen, wenn die Helden kein Heldentum gewollt haben. Die meisten Liquidatoren wussten in den ersten Tagen und Wochen nicht, in welche Gefahr sie geschickt wurden. Sie taten ihre Pflicht, weil ihnen gesagt wurde, sie sollten sie tun. Viele glaubten den offiziellen Versprechen, sie könnten in drei, vier Tagen wieder nach Hause. Etliche taten ihren Einsatz auch, weil sie verstanden, was passieren würde, wenn niemand es täte – und das ist die schwerere, ehrlichere Art von Mut.

Der Preis war ungeheuer. Wassyl Ihnatenkos Name steht heute auf einem Denkmal in Brahin und auf einer Straße in Minsk. Toptunows Name wurde 2008 mit dem ukrainischen Tapferkeitsorden geehrt. Aber für die Hunderttausende, die nicht in den ersten Wochen starben, sondern in den Jahren danach an Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Herzversagen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, ist das Bild trüber. In den Wirren des sowjetischen Zerfalls verschwanden Akten, Dosimeter-Protokolle, Einsatzbescheinigungen. Viele kämpften jahrzehntelang um die Anerkennung ihres Status, um Renten, um medizinische Versorgung. Die EWS-Schönau-Reportage zum 40. Jahrestag berichtet vom Liquidator Wassylij Todorow, dessen Belege "auf rätselhafte Weise verloren gingen" – ein Schicksal, das Tausende teilen.

Und über allem schwebt die bittere Pointe der Gegenwart: Die Sperrzone um Tschornobyl, die im Februar 2022 von russischen Truppen besetzt wurde, ist seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs erneut zur Frontlinie der Geschichte geworden. Die "New Safe Confinement", die 2016 fertiggestellte 36.000-Tonnen-Stahlhülle über dem alten Sarkophag, wurde 2024 nach Angaben Wolodymyr Selenskyjs durch eine russische Drohne beschädigt. Was Generationen von Liquidatoren mit ihrer Gesundheit erkauft haben, kann in einer einzigen Nacht zerschossen werden.

Vierzig Jahre

Vierzig Jahre. Eine Generation. Genug Zeit, dass die Männer und Frauen, die damals jung waren, heute alt sind oder gestorben. Genug Zeit, dass die Geschichte aus dem Gedächtnis in die Schulbücher gewandert ist. Genug Zeit auch, um die Lehren wieder zu vergessen.

Wer an Tschornobyl denkt, sollte an Toptunow denken: einen 25-Jährigen, der versuchte, das Richtige zu tun, und der mit dem starb, was ein anderer angerichtet hatte. An Wassyl Ihnatenko und seine Wache 6, die in eine Strahlung gingen, von der man ihnen nichts gesagt hatte. An die Bergleute, die Hubschrauberpiloten, die Taucher, die "Biorobotter". An die Hunderttausende, deren Namen man nicht kennt und nicht mehr kennen wird, weil ihre Akten verschwunden sind.

Sie haben Europa geschützt. Das ist keine Phrase. Es ist die nüchterne Beschreibung dessen, was sie getan haben. Sie haben es nicht getan, weil sie wussten, dass sie es taten. Sie haben es getan, weil jemand es tun musste, und sie waren da. Das macht ihren Mut nicht kleiner. Es macht ihn nur leiser.

Vierzig Jahre nach Tschornobyl ist das Mindeste, was wir ihnen schuldig sind, ihre Namen auszusprechen.

Wolodymyr Prawik. Wassyl Ihnatenko. Aleksandr Akimow. Leonid Fedorowytsch Toptunow. Und die Hunderttausende dahinter, die keine Namen mehr haben in den Aktenschränken, aber doch jeder einen hatte.

Ehre ihrem Andenken.